* 3 *

3. Der Abend vor dem Geburtstag

 

Septimus

Lucy ging in dieser Nacht nicht mehr zum Torhaus am Nordtor. Sarah Heap erlaubte es nicht. »Lucy, du bist klatschnass und erschöpft«, sagte Sarah. »In diesem Zustand lasse ich dich nicht mitten in der Nacht auf die Straße. Du wirst dir den Tod holen. Du brauchst jetzt ein schönes, warmes Bett – außerdem möchte ich alles über Simon erfahren. Wollen mal sehen, was wir zu essen für dich haben ...«

Lucy fügte sich dankbar. Vor Erleichterung über Sarahs Empfang stiegen ihr Tränen in die Augen. Glücklich ließ sie sich zusammen mit Snorri und Alfrun durch den Langgang führen und setzte sich in Sarah Heaps kleinem Salon im hinteren Teil des Palastes an den Kamin.

An diesem Abend, an dem Schneeschauer von Port herüberzogen, war Sarah Heaps Salon der wärmste Raum im ganzen Palast. Auf dem Tisch standen Reste ihres berühmten Bohneneintopfs mit Würstchen, und vor dem lodernden Kaminfeuer hatte sich eine kleine Gesellschaft versammelt und trank Kräutertee. Eingeklemmt zwischen Lucy und Sarah saßen Jenna, Septimus und Nicko Heap, daneben Snorri und Alfrun Snorrelssen. Snorri und Alfrun hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich leise, wobei Alfrun fest die Hand ihrer Tochter hielt. Nicko saß etwas abseits von Snorri und plauderte mit Jenna. Sarah fiel auf, dass Septimus mit gar niemandem sprach und nur in die Flammen stierte.

Auch mehrere Tiere waren anwesend: ein großer schwarzer Panther namens Ullr, der zu Alfruns Füßen hockte, Maxie, ein alter, muffelnder Wolfshund, der leicht dampfend vor dem Feuer lag, und Ethel, eine stoppelige Ente ohne Federn, die ein neues Strickjäckchen trug. Ethel thronte auf Sarahs Schoß und knabberte genüsslich an einem Wurstzipfel. Jenna bemerkte missbilligend, dass die Ente zu fett wurde, und hegte den Verdacht, dass Sarah ihr nur deshalb ein neues Jäckchen gestrickt hatte, weil ihr das alte zu eng geworden war. Aber Sarah liebte Ethel so sehr, dass Jenna nur die hübschen roten Streifen und grünen Knöpfe auf dem Rücken der Ente betrachtete und kein Wort über ihre zunehmende Leibesfülle verlor.

Sarah Heap war glücklich. In der Hand hielt sie einen kostbaren Brief von Simon, einen Brief, den sie immer wieder gelesen hatte und inzwischen auswendig kannte. Sie hatte ihren alten Simon wieder – den guten Simon, den Simon, der er, wie sie wusste, immer gewesen war. Und nun saß sie hier und plante das Geburtstagsfest für Jenna und Septimus, die morgen beide vierzehn wurden.

Der vierzehnte Geburtstag war ein wichtiger Meilenstein im Leben eines Menschen, ganz besonders für Jenna als Prinzessin der Burg, und überdies ging dieses Jahr endlich Sarahs Wunsch in Erfüllung: Die Geburtstagsfeier für Jenna und Septimus sollte im Palast und nicht im Zaubererturm stattfinden.

Sarah blickte zu der alten Uhr auf dem Kaminsims und unterdrückte ihren Ärger darüber, dass Silas noch nicht zurück war. In letzter Zeit war Silas immer ziemlich »beschäftigt«, wie er es nannte, aber Sarah glaubte ihm nicht. Sie kannte ihn nur zu gut und wurde das Gefühl nicht los, dass er etwas ausheckte. Sie seufzte. Sie wünschte, er wäre hier und könnte diesen Augenblick, in dem alle vereint waren, mit ihnen teilen.

Sie schob die Gedanken an Silas beiseite und lächelte Lucy, ihrer zukünftigen Schwiegertochter, zu. Lucys Anwesenheit gab ihr das Gefühl, dass auch Simon in gewisser Weise bei ihnen war, denn in bestimmten Augenblicken erinnerte ihre eindringliche Art zu sprechen an Simon. Eines Tages, so dachte Sarah, würde sie vielleicht alle ihre Kinder und Silas um sich haben – obwohl sie nicht recht wusste, wie sie dann alle in dem kleinen Salon unterbringen sollte. Aber wenn es je so kommen würde, würde sie jedenfalls ihr Bestes geben.

Auch Septimus sah auf die Uhr, und um Punkt 20.15 Uhr entschuldigte er sich bei den anderen. Sarah beobachtete, wie ihr jüngster Sohn, der in den letzten Monaten kräftig gewachsen und schlaksig geworden war, von seinem Platz auf der Armlehne des abgewetzten Sofas aufstand und sich an Gästen und Bücherstapeln vorbei zur Tür schlängelte. Voller Stolz sah sie die lila Oberlehrlingsstreifen an den Ärmeln seines grünen Kittels schimmern, doch was sie am meisten freute, war seine ruhige Selbstsicherheit. Sie hätte sich gewünscht, er würde sich öfter kämmen, aber dessen ungeachtet verwandelte sich Septimus in einen gut aussehenden jungen Mann.

Sie blies ihrem Sohn einen Kuss zu. Er lächelte – etwas gezwungen, wie Sarah fand – und trat aus dem behaglichen Salon hinaus auf den kalten Langgang, jenen breiten Flur, der den gesamten Palast durchzog.

Jenna Heap schlüpfte ihm nach.

»Sep, warte mal«, rief sie Septimus nach, der mit großen Schritten davoneilte.

Septimus ging nur widerwillig langsamer. »Ich muss um neun zurück sein«, sagte er.

»Dann hast du noch jede Menge Zeit«, erwiderte Jenna, schloss zu ihm auf und lief neben ihm her, indem sie seine großen Schritte mit kleineren, schnelleren wettmachte.

»Sep«, fuhr sie fort, »ich habe dir doch letzte Woche erzählt, dass es oben auf der Mansardentreppe richtig gruselig war. Das ist es immer noch. Es ist sogar noch schlimmer geworden. Nicht einmal Ullr will dort hinauf. Sieh her, die Kratzer beweisen es.« Sie krempelte ihren goldgesäumten Ärmel hoch und zeigte Septimus mehrere Katzenkratzer an ihrem Handgelenk. »Ich habe ihn auf dem Arm getragen, und am Fuß der Treppe ist er regelrecht in Panik geraten.«

Septimus schien unbeeindruckt. »Ullr ist eine Geisterseherkatze. Bei den vielen Geistern, die es hier gibt, muss er es ja mal mit der Angst bekommen.«

Aber Jenna ließ sich nicht abwimmeln. »Ich glaube nicht, dass es Geister sind, Sep. Außerdem erscheinen die meisten Geister im Palast auch mir. Ich sehe jede Menge.« Wie zur Bekräftigung ihrer Worte nickte sie huldvoll – wie eine richtige Prinzessin, fand Septimus – einer Stelle zu, wo er nur leere Luft sah. »Da hast du’s. Ich habe gerade die drei Köchinnen gesehen, die von der eifersüchtigen Hauswirtschafterin vergiftet worden sind.«

»Wie schön für dich«, erwiderte Septimus und ging noch schneller, sodass Jenna in Laufschritt fallen musste, um an seiner Seite zu bleiben. Im Eiltempo durchquerten sie den Langgang, der in größeren Abständen von flackernden Binsenlichtern erhellt wurde.

Jenna ließ nicht locker. »Wenn es Geister wären, würde ich etwas sehen. Aber es sind keine. Im Gegenteil, selbst die Geister halten sich von diesem Teil des Korridors fern. Das sagt doch alles.«

»Was alles?«, fragte Septimus gereizt.

»Dass da oben etwas Schlimmes vor sich geht. Und ich kann Marcia nicht bitten, der Sache nachzugehen, weil Mom sonst einen Anfall bekommt, aber du bist doch mittlerweile fast so gut wie Marcia, oder? Also bitte, Sep. Bitte komm mit und sieh es dir an.«

»Kann das nicht Dad übernehmen?«

»Dad verspricht mir ständig, dass er mal nachsehen wird, aber er kommt einfach nicht dazu. Er ist dauernd mit irgendwas beschäftigt. Du weißt doch, wie er ist.«

Sie hatten die große Eingangshalle erreicht, deren elegante Treppenaufgänge und dicke alte Türen von einem Wald von Kerzen angestrahlt wurden. Barney Pot lag endlich im Bett, und so war die Halle leer.

»Hör zu, Jenna. Ich habe eine Menge zu tun.«

»Du glaubst mir nicht, stimmt’s?« Jenna klang verärgert.

»Aber natürlich glaube ich dir.«

»Ja! Aber nicht genug, um nachzusehen, was da oben los ist.«

Septimus setzte wieder diese verschlossene Miene auf, die Jenna in den letzten Monaten so oft an ihm beobachtet hatte. Wie sie das hasste! Es war, als dränge sich etwas zwischen sie beide, sobald sie in seine grünen Augen sah.

»Bis dann, Jenna«, sagte er. »Ich muss gehen. Morgen ist ein großer Tag.«

Jenna verbarg ihre Enttäuschung, so gut es ging. Sie wollte nicht, dass Septimus verärgert von ihr wegging.

»Ich weiß«, sagte sie also. »Alles Gute zum Geburtstag, Sep.«

Sie hatte den Eindruck, dass er etwas überrascht war.

»Äh ... ach so, ja, danke.«

»Das wird morgen bestimmt lustig«, fügte sie hinzu, hakte sich gegen seinen Willen bei ihm unter und schob ihn zur Tür. »Es ist doch schön, dass wir am selben Tag Geburtstag haben, findest du nicht? Als ob wir Zwillinge wären. Und noch dazu am Tag der Längsten Nacht. Es ist schon etwas Besonderes, wenn die ganze Burg festlich erleuchtet ist. Als wäre es extra für uns.«

»Ja.« Septimus wirkte zerstreut, und Jenna spürte, dass er so schnell wie möglich zur Tür hinauswollte. »Ich muss jetzt wirklich los, Jenna. Wir sehen uns dann morgen Abend.«

»Ich begleite dich bis zum Tor.«

»Oh.« Septimus klang nicht sonderlich begeistert.

Sie gingen gemeinsam die Zufahrt hinunter, Septimus mit langen Schritten, Jenna im Trab nebenher.

»Sep ...?«, sagte sie keuchend.

»Ja?« Er klang misstrauisch.

»Dad sagt, dass du dich jetzt genau in dem Stadium der Zaubererlehre befindest, in dem er sie abgebrochen hat.«

»Hmm. Das stimmt wohl.«

»Und einer der Gründe, warum er sie abgebrochen hat, war, dass er eine Menge schwarzmagischer Dinge tun musste und nichts davon mit nach Hause bringen wollte. Das hat er erzählt.«

Septimus verlangsamte seine Schritte. »Es gibt viele Gründe, warum Dad aufgehört hat, Jenna. Zum Beispiel hat er zu früh von der Queste erfahren. Außerdem hätte er auch nachts arbeiten müssen, und Mom kam nicht zurecht, ganz ohne ihn. All diese Dinge.«

»Es war wegen der schwarzen Magie, Sep. Das hat er mir jedenfalls gesagt.«

»Tja. Das behauptet er heute.«

»Er macht sich Sorgen um dich. Und ich auch.«

»Das brauchst du nicht«, erwiderte Septimus gereizt.

»Aber Sep ...«

Septimus hatte jetzt genug. Unwirsch schüttelte er Jennas Arm ab. »Jenna, bitte – lass mich in Ruhe! Ich habe viel zu tun und muss jetzt weiter. Wir sehen uns morgen.«

Damit eilte er davon, und diesmal ließ sie ihn gehen.

Jenna kämpfte mit den Tränen, als sie langsam durch das reifbedeckte Gras, das unter ihren Füßen knirschte, zum Palast zurückging – Septimus hatte ihr nicht einmal zum Geburtstag gratuliert. Uberhaupt hatte sie seit einiger Zeit das Gefühl, dass er sie aus seinem Leben ausschloss und nur noch für eine aufdringliche Nervensäge hielt, vor der er seine Geheimnisse hüten musste. Um besser zu verstehen, was er eigentlich tat, hatte sie Silas über seine Lehrzeit bei Alther ausgefragt, und nicht alles, was sie dabei erfahren hatte, gefiel ihr.

Sie war nicht in der Stimmung, zu der fröhlichen kleinen Gesellschaft in Sarahs Salon zurückzukehren, und so nahm sie eine brennende Kerze von einem Tisch in der Eingangshalle und erklomm die breite, geschnitzte Eichentreppe, die sich ins Obergeschoss des Palastes hinaufschwang. Sie ging langsam dem Korridor entlang, dessen abgetretener Teppich ihre Schritte dämpfte, und nickte den verschiedenen Geistern zu, die sich stets zeigten, wenn sie die Prinzessin sahen. Statt in den kurzen, breiten Gang abzubiegen, der zu ihrem Zimmer führte, beschloss sie, noch einmal einen Blick auf die Mansardentreppe zu werfen – nach dem Gespräch mit Septimus fragte sie sich, ob ihre Ängste möglicherweise doch unbegründet waren.

Am Fuß der Treppe brannte stets ein Binsenlicht, und dafür war sie dankbar, denn wenn sie die ausgetretenen blanken Holzstufen hinaufspähte, die ganz oben in der Dunkelheit verschwanden, überkam sie jedes Mal das Gruseln. Aber wahrscheinlich hatte Septimus recht. Vermutlich bestand überhaupt kein Grund, sich Sorgen zu machen, und so stieg sie langsam die Treppe hinauf. Wenn sie oben nichts Verdächtiges entdeckte, wollte sie die ganze Sache ein für alle Mal vergessen. Das nahm sie sich fest vor.

Doch auf der zweitletzten Stufe angekommen, blieb sie stehen. Vor ihr lag tiefe Dunkelheit, aber eine Dunkelheit, die sich zu bewegen und zu verändern schien. Wie ein lebendiges Wesen. Jenna war verwirrt – sie hatte Angst, und gleichzeitig stieg eine freudige Erregung in ihr auf. Sie hatte das sonderbare Gefühl, dass sie nur noch den letzten Schritt in die Dunkelheit zu tun brauchte und dann alles sehen würde, was sie schon immer hatte sehen wollen, sogar ihre richtige Mutter, Königin Cerys. Und bei dem Gedanken, ihre Mutter zu sehen, schwand ihre Angst und wich dem Verlangen, in die Dunkelheit zu treten, die der schönste Ort auf der Welt war, der Ort, nach dem sie sich schon immer gesehnt hatte.

Plötzlich spürte sie einen Klaps auf der Schulter. Sie fuhr herum und erblickte den Geist der Gouvernante, der auf der Suche nach den beiden verschollenen Prinzessinnen ruhelos den Palast durchstreifte. Er starrte sie an.

»Komm von hier fort, Esmeralda, komm von hier fort«, heulte der Geist. »Hier walten finstere Mächte. Komm von hier fort ...« Der Klaps auf Jennas Schulter hatte den Geist der Gouvernante so angestrengt, dass er vor Erschöpfung verblasste und fortan viele Jahre lang nicht mehr zu sehen war.

Jennas Verlangen, in die Dunkelheit zu treten, war verflogen. Sie drehte sich um und rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter. Sie hörte erst auf zu rennen, als sie in den breiten, hell erleuchteten Korridor zu ihrem Zimmer einbog und Sir Hereward erblickte, den freundlichen alten Geist, der vor ihrer Flügeltür wachte.

Sir Hereward nahm Haltung an. »Guten Abend, Prinzessin«, grüßte er. »Sie begeben sich heute früh zu Bett, wie ich sehe. Ein großer Tag morgen.« Der Geist lächelte. »Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine Prinzessin vierzehn wird.«

»Nein«, erwiderte Jenna betrübt.

»Aha, wie ich sehe, bedrückt Sie bereits die Last der kommenden Jahre.« Sir Hereward kicherte. »Aber lassen Sie mich Ihnen sagen, dass der vierzehnte Geburtstag noch kein Grund ist, sich zu grämen. Sehen Sie mich an, ich hatte Hunderte von Geburtstagen – ich komme mit dem Zählen gar nicht mehr nach –, und es geht mir blendend.«

Jenna musste schmunzeln. Dem Geist ging es alles andere als blendend. Er war staubig und verblasst, seine Rüstung verbeult, außerdem fehlten ihm ein Arm, etliche Zähne und, wie sie neulich, als er den Helm abnahm, bemerkt hatte, das linke Ohr und ein ziemlich großes Stück vom Kopf. Ganz zu schweigen davon, dass er natürlich tot war. Aber das bekümmerte Sir Hereward anscheinend nicht. Jenna befahl sich streng, nicht mehr so miesepetrig zu sein. Septimus würde sich schon berappeln, und alles würde wieder gut werden. Morgen würde sie auf den Händlermarkt gehen und ihm etwas zum Geburtstag kaufen, was ihn zum Lachen brachte und noch lustiger war als die Vollständige Geschichte der Magie, die sie ihm bereits in Wywalds Hexenbuchladen gekauft hatte.

»So gefallen Sir mir schon besser.« Sir Hereward strahlte. »Der vierzehnte Geburtstag ist ein aufregender Tag für eine Prinzessin, Sie werden sehen. Ich hätte da übrigens noch einen guten auf Lager. Der wird Sie aufmuntern. Wie bringt man eine Giraffe in einen Kleiderschrank?«

»Ich weiß es nicht, Sir Hereward. Wie bringen Sie eine Giraffe in einen Kleiderschrank?«

»Ich mache die Tür auf, stelle sie hinein und mache die Tür wieder zu. Und wie bringt man einen Elefanten in einen Kleiderschrank?«

»Ich weiß nicht. Wie bringen Sie einen Elefanten in einen Kleiderschrank?«

»Ich mach die Tür auf, hole die Giraffe heraus und stelle den Elefanten hinein. Höhöhö.«

Jenna lachte. »Das ist wirklich komisch, Sir Hereward.«

Sir Hereward kicherte. »Nicht wahr? Aber ich bin mir sicher, dass beide hineinpassen, wenn man es nur richtig versucht.«

»Bestimmt, Sir Hereward ... dann also gute Nacht. Wir sehen uns morgen.«

Der alte Geist verbeugte sich, und Jenna stieß die große Flügeltür auf und trat in ihr Zimmer. Als sie die Tür schloss, nahm Sir Hereward seinen Posten wieder ein, doppelt wachsam jetzt. Jeder Palastgeist wusste, dass Geburtstage für eine Prinzessin eine gefährliche Zeit sein konnten. Aber solange er wachte, würde Prinzessin Jenna nichts geschehen. Dafür würde er schon sorgen.

Einmal in ihrem Zimmer, kam Jenna nicht zur Ruhe, denn sie verspürte eine seltsame Mischung aus Vorfreude und Wehmut. Sie trat an eines der großen Fenster, zog die schweren roten Vorhänge zurück und blickte auf den Fluss.

Bei Nacht den Fluss zu betrachten, das hatte sie schon immer gern getan, seit Silas in ihrer Wohnung in den Anwanden im Wandschrank eine Nische für sie gebaut hatte, mit einem kleinen Fenster, das direkt aufs Wasser hinausging. In Jennas Augen war der Blick aus den großen Fenstern hier im Palast längst nicht so schön wie der, den sie in ihrem Schrank gehabt hatte. Von ihrem Ausguck in den Anwanden hatte sie den Wechsel von Ebbe und Flut beobachten können, der sie immer fasziniert hatte. Häufig hatten auch ein paar Fischerboote an den großen Ringen vertäut gelegen, die weit unten in die Mauer eingelassen waren, und sie hatte dabei zugesehen, wie die Fischer ihren Fang putzten und ihre Netze flickten. Vom Palast aus sah sie immer nur Boote, die in der Ferne den Fluss hinauf- oder hinunterfuhren, und den Mondschein, der sich im Wasser spiegelte.

Heute Nacht schien der Mond freilich nicht. Heute war, wie Jenna wusste, die letzte Altmondnacht, und der Mond ging erst kurz vor Tagesanbruch auf. Morgen, in ihrer Geburtstagsnacht, würde Dunkelmond sein – der Mond würde überhaupt nicht aufgehen. Doch auch ohne Mond war der Himmel schön. Die Wolken hatten sich verzogen, und die Sterne funkelten hell und klar.

Jenna zog die schweren Vorhänge hinter sich zu, sodass sie in dem dunklen, kalten Zwischenraum zwischen ihnen und dem Fenster stand. Sie rührte sich nicht und wartete, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Ihr warmer Atem beschlug die Scheibe. Sie rieb das Glas wieder klar und spähte auf den Fluss hinaus.

Auf den ersten Blick schien er verlassen, was sie nicht überraschte. Nachts waren nie viele Boote unterwegs. Doch dann bemerkte sie unten am Landungssteg eine Bewegung. Quietschend wischte sie die Scheibe wieder klar und sah genauer hin. Da war jemand am Landungssteg – Septimus. Es sah so aus, als unterhalte er sich mit jemandem, obwohl niemand zu sehen war. Jenna wusste sofort, dass er mit dem Geist von Alice Nettles sprach. Die arme Alice Nettles. Nun hatte sie ihren Alther zum zweiten Mal verloren. Seit ihrem schrecklichen Verlust blieb sie unsichtbar und durchstreifte auf der Suche nach Alther die Burg. Ihr gehörte die körperlose Stimme, die den Menschen bisweilen ins Ohr flüsterte: »Wo ist er hin? Haben Sie ihn gesehen? Haben Sie ihn gesehen?«

Jenna hielt sich die Hände vor die Nase, um die Scheibe vor ihrem Atem zu schützen, und starrte wieder in die Nacht. Septimus hatte das Gespräch soeben beendet und ging davon. Er eilte am Fluss entlang und steuerte auf das Nebentor zu, durch das man auf die Zaubererallee gelangte.

Wie gern hätte sie jetzt das Fenster geöffnet, wäre an dem Efeu nach unten geklettert – was sie schon viele Male getan hatte – und dann quer über den Rasen gelaufen, um Septimus abzupassen und zu berichten, was vorhin auf der Mansardentreppe geschehen war. Früher wäre Septimus sofort mit ihr mitgekommen. Aber das war mal, dachte Jenna traurig. Heute hatte er wichtigere Dinge zu tun – geheime Dinge.

Plötzlich wurde Jenna bewusst, dass sie fror. Sie schlüpfte hinter dem Vorhang hervor und ging hinüber zu dem alten Steinkamin, in dem drei große Holzscheite brannten. Und während sie vor dem knisternden Feuer stand und die Hände über die wärmenden Flammen hielt, fragte sie sich, worüber Septimus wohl mit Alice gesprochen hatte. Sie wusste, dass er es ihr nicht sagen würde, selbst wenn sie ihn fragte.

Alice war nicht die Einzige, die jemanden verloren hatte, dachte sie traurig.

Septimus Heap 06 - Darke
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